Olympia: Muss das jetzt sein?

olympia219Da liegt er nun im Posteingang, mein Umschlag mit den Wahlunterlagen zum Olympia-Referendum. Prima, meine Meinung ist also gefragt. Dass es dieses Referendum gibt und dass es jetzt stattfindet – ein großer Erfolg der GRÜNEN Bürgerschaftsfraktion. Der rot-grüne Koalitionsvertrag vom Frühjahr stellt sich grundsätzlich positiv zu Olympia – benennt aber auch klare Bedingungen. Der rot-grüne Senat arbeitet auf dem Pfad dieser Bedingungen, ich denke, das kann man jetzt erkennen. Wie es im Vertrag steht, hat der Senat auch eine Kostenaufstellung vorgelegt. Wie zu befürchten war, ist die Kostenplanung jedoch noch mit Unsicherheiten behaftet.

Das größte Problem liegt hierbei im größten Posten – 6,2 Milliarden Euro der mit 11,2 Milliarden Euro veranschlagten Gesamtkosten soll der Bund übernehmen. Aber Hamburg muss die Rechnung einstweilen ohne den Wirt machen: Schäuble und Merkel lassen sich auf keine Finanzierungszusage ein. Durchaus nachvollziehbar, denn der Betrag liegt nicht einfach in der Portokasse. 6,2 Milliarden, das macht auf jeden der 81 Millionen Deutschen – vom Säugling bis zum Greis, von Passau bis Flensburg – umgerechnet immerhin 76,54 €.

Und die Hamburgerinnen und Hamburger? Sie sollen zunächst mit 1,2 Milliarden Euro dabei sein, auf jeden der 1,76 Millionen Leute sind das 681,82 € pro Kopf, zuzüglich der 76,54 € (jede Hamburgerin ist ja zugleich auch Deutsche) ist also jeder und jede mit 758,36 € dabei. Dann muss OlympiaCity noch bis 2040 für weitere 1,14 Milliarden Euro zurück- und umgebaut werden (weitere 647,73 € pro Hamburger Nase), das macht dann zusammen 1406,09 €. Wohlgemerkt ist das nur eine Rechengröße, die für das statistische Mittel gilt – der Durchschnitt eben aus Kleinkindern und Rentnerinnen, Arbeitslosen und Doppelverdienerinnen, Millionärinnen und Hartz-IV-Empfängern.

HamburgerGrossprojekteMan kann die Olympia-Kosten natürlich nicht nur einer Pro-Kopf-Rechnung unterziehen. Auch ein direkter Vergleich mit Großprojekten ist aussagekräftig: Der erste Bauabschnitt der Stadtbahn, die Olaf Scholz als „nicht finanzierbar“ abgelehnt hat, sollte 338 Millionen Euro kosten, das sind bezogen auf die Olympia-Projektkosten von 11,2 Milliarden Euro immerhin 3 Prozent. Ein Vergleich mit der Elbphilharmonie (letzter Nettofestpreis 575 Millionen Euro) ergibt 5,1 Prozent. Anders gesagt: Man könnte statt der Olympiabauten noch 20 weitere Elbphilharmonien neben der ersten auf den Kleinen Grasbrook stellen.

Man sieht also: Olympia ist ein großes Projekt. Es wird, stimmt das Volk am 29. November dafür, die Politik in unserer Stadt für lange Zeit bestimmen. Wie lange? Mindestens bis 2017, denn dann könnte die Entscheidung für Los Angeles, Paris, Rom oder Budapest und gegen Hamburg fallen. Das ist aber nur ein theoretisches Enddatum, da für diesen Fall allseits damit gerechnet wird, dass sich Hamburg für die Spiele 2028 bewirbt. Die Entscheidung verschöbe sich also um vier Jahre auf 2021. Im Falle des Zuschlags begönne 2024 die Rückbauphase mit Ende 2040, im Falle des verspäteten Zuschlags wäre der Rückbau 2028 bis 2044.

Für die Politik unter dem Olympia-Paradigma sind viele schöne Projekte geplant. So soll auch der Breitensport profitieren. 12 Schwimmhallen, 37 Sporthallen und 62 Sportfelder werden mit 269 Millionen Euro aufgepeppt, das sind 2,4 Prozent der Gesamtkosten von 11,2 Milliarden Euro. Dazu kommt noch eine neue Radrennbahn sowie eine Kanuanlage für weitere 132 Millionen Euro (1,2 Prozent der Gesamtkosten). Zudem werden mit 0,8 Prozent der Gesamtkosten (entsprechend 94 Millionen Euro) Traditionssportstätten wie Derby Park in Klein Flottbek oder Tennis am Rothenbaum ertüchtigt. Diese Zahlen beinhalten nur die Investitionen, die dem Sport nachhaltig zur Verfügung stehen. Hinzu kommen noch reine Olympia-Investitionen zum Beispiel für Tribünen, die nach den Spielen wieder abgebaut werden.

Der wohl größte Investitionsbrocken ist die Entwicklung des Kleinen Grasbrooks zur OlympiaCity, die mit 2,24 Milliarden Euro (stattliche 20 Prozent der Gesamtkosten) zu Buche schlägt. Dies ist nicht der Baupreis für die entstehenden Wohnungen (Drittelmix Eigentum, freifinanzierte Miete, Sozialwohnungen – es wird von „bis zu 3000 Sozialwohnungen“ gesprochen), sondern nur für die Kosten der Dinge wie Infrastruktur, Baustellen, Planung und Flächenherrichtung.

Abwägen ist gefragt

Was ich hier aufgeschrieben habe, sind nur ein paar Fakten und Zahlen. Viel mehr davon findet sich im Finanzreport der Senatskanzlei vom September 2015. Wir müssen nun als Abstimmungsberechtigte diese Fakten abwägen. Ich persönlich finde Megaevents einfach faszinierend. Ich habe mehrfach die Expo 2000 in Hannover besucht (als Fraktionsvorsitzender der Hannoverschen Regions-Grünen war ich hier allerdings auch persönlich involviert), ich war bei der Begrüßung der deutschen Olympia-Heimkehrer 2012 in der HafenCity und bei der Siegesfeier der deutschen Fußball-Weltmeister-Mannschaft 2014 in Berlin. Olympia in meiner Heimatstadt Hamburg würde mir natürlich auch gefallen.

Olympia ja oder nein?
Diese Frage wird in der Stadt und auch unter Grünen heiß diskutiert. Schreibt uns Eure Meinung hierzu – hier im Grünschnack-Forum oder bei Facebook oder Twitter!

Man sollte aber nicht einfach alles kaufen, was einem gefällt. Um gute Dinge zu bekommen, muss man beim Olympia-Projekt sehr, sehr viel Geld in die Hand nehmen. So viel ist in Hamburg wohl noch nie in ein einziges Projekt investiert worden. Die Entscheidung für Olympia in Hamburg bedeutet für viele Jahre einen Paradigmenwechsel in der Hamburger Politik. Ohne Olympia wird nichts mehr gehen, alles wird in das große Projekt integriert werden und diesem untergeordnet. Ich kenne das noch aus Hannover, wo am Ende jedes Bahnhofsklo als Expo-Restroom verkauft wurde. Es wird aber auch vieles gehen, was ohne Olympia vielleicht nicht käme.

Hamburg steht aktuell vor großen Herausforderungen. Wir müssen den Flüchtlingsstrom integrieren. Das wird mehr bedeuten, als Zelte und Container aufzustellen – das wird eine riesige Herausforderung für Wohnungsbau, Bildung und Wirtschaft. Wir müssen den auch schon vor dem Flüchtlingsstrom aufgekommenen Herausforderungen an den Wohnungsbau begegnen, ohne dass Hamburg entgrünt unter Beton stirbt. Schließlich steht auch noch mit der HSH Nordbank ein schwer kalkulierbares Finanzrisiko am Horizont.

Hamburg vor großen Herausforderungen

Hilft uns Olympia bei der Bewältigung dieser Herausforderungen oder lenkt es uns zu sehr ab? Sind die Investitionsrisiken beherrschbar oder wird sich der Albtraum der Elbphilharmonie wiederholen? Ist es fahrlässig, die Chance fahren zu lassen oder ist es unverantwortbar, einen astronomisch hohen Betrag zu riskieren?

Die billige Feuer-und-Flamme-Rhetorik, die man derzeit an jeder Ecke der Stadt über sich ergehen lassen muss, wird diesen schwierigen Fragen nicht gerecht. Eine euphorische Aufbruchstimmung, die Bedenken gar nicht erst aufkommen lies, war übrigens auch der Anfang vom Elend des Elbphilharmonie-Desasters. Da die Projektsumme von Olympia das Zwanzigfache der Elphi ist, sollten wir diesen Fehler nicht wiederholen. Sonst laufen wir Gefahr, wie Berlin zu enden: Jede Menge Großbaustellen, aber kein Geld mehr fürs Nötigste. Ich hoffe also auf eine sachliche Diskussion, in der die Risiken, wie auch die Chancen, offen diskutiert werden. Getreu dem olympischen Motto: Mögen die Besten gewinnen!

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Veröffentlicht am 7. November 2015 in Diskussion und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Holger Gundlach

    Wow! Einen so argumentativ bestens abgewogenen Beitrag zum Thema Olympische Spiele in Hamburg habe ich bisher noch nicht gelesen. Vielen Dank!

  2. Ellen Hobrecht

    Die Kosten allein für die drei Stufen der Bewerbung sind nicht klar angegeben. In Hamburg sind so viele dringende Probleme zu bewältigen, dass die Hype pro Olympia mir absurd erscheint. Sind die Grünen wirklich so stark den Interessen der Wirtschaft erlegen ?
    Ellen Hobrecht aus Sasel

  3. Holger Gundlach

    Ergänzend zu meinem Kommentar vom 8.11.:
    Trotz meiner 71 Jahre bin ich noch aktiver Sportler – und habe „Nein“ angekreuzt. Die weitgehend auf Emotionen basierende Feuer-und-Flamme-Kampagne hat mich eher abgestoßen. Bei nüchterner Betrachtung überwiegen die finanziellen und auch demokratiepolitischen Risiken.

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